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In Vertrauen ins Leben – „Ein Psalm Davids“
Der Psalm 23 hat, wie über siebzig andere Psalmen auch, die Überschrift „Ein Psalm Davids“. Lange, schon in biblischer Zeit, hat man dies im Sinne der Verfasserschaft verstanden. Von daher interpretierte man das gesamte Psalmenbuch als geistliches Tagebuch Davids. Das wurde noch dadurch verstärkt, dass manche Psalmüberschriften Situationen aus dem Leben Davids beschreiben,. So steht z.B. über Psalm 59: „Ein Lied Davids, als Saul hinschickte und man das Haus bewachte, um ihn zu töten“. Wahrscheinlich sind diese Überschriften aber im Zusammenhang mit dem Anlegen einzelner Sammlungen von Psalmen, beginnend in der Zeit des Exils, also im 6. Jahrhundert vor Chr., entstanden. Indem man also einen Psalm mit David in Verbindung brachte, fühlte man sich in eigener Verfolgung und Bedrängung in Schicksalsgemeinschaft mit dem immer wieder verfolgten, aber auch geretteten großen König Israels. So wurde David, der ja als junger Mann mit seinem Saitenspiel die Trauer und Depression des Königs Saul vertrieb, zum großen „Spielmann“, mit dessen Liedern man dem Bösen trotzen konnte und seine Macht brechen konnte. Und in der Nachfolge Davids, der beim Einzug der Bundeslade in Jerusalem mit ganzer Hingabe tanzte, kann man auch mit ebensolcher Hingabe das Lob Gottes singen.

Das Bild vom Hirten – ist da ein Hirte?
Der Erzvater des Volkes Israel, Jakob, der von Gott selbst den neuen Namen „Israel“ bekam, bekennt auf seinem Sterbebett: „Gott, vor dem meine Väter Abraham und Isaak ihren Weg gegangen sind, Gott, der mein Hirt war mein Lebtag bis heute…“ (Gen 48,15). Für ihn wie für den Verfasser des Psalm 23 war die Welt der Hirten vertraut. So konnte man auch Gott sehen in der Rolle dessen, der sich kümmert, der da ist, der den Weg weiß und unter dessen Führung man das Leben letztlich gesichert weiß.
Die Gewissheit, dass es ein Allumfassendes, einen Urgrund an Sinn in der Welt gibt, ist spätestens in unserer Zeit abhanden gekommen. Christliche Gottesvorstellungen eines allmächtigen, allwissenden Gottes werden nicht mehr nachvollzogen. In unserer individualisierten Lebenswelt scheint jeder nur noch für sich selbst verantwortlich. Jeder hat die Chance – oder trägt die Last -, sein eigenes Leben zu gestalten und ihm einen Sinn zu geben. Beziehungen zu anderen, Partnerschaften und Familienbeziehungen sind nicht mehr selbstverständlich von der Gesellschaft gestützt und fordern Durchhaltevermögen und Gestaltungswillen. Ver-trägt sich dieses Grundmuster der Selbstbestimmung noch mit dem alten Bild eines Hirten? Oder weckt es gerade wieder die Sehnsucht danach, weil Selbstbestimmtheit und Freiheit auch die dunkle Seite der Vereinsamung und Sinnlosigkeit in sich trägt?

Gute und schlechte Hirten
Schon der Prophet Ezechiel (um 600 v.Chr.) beschreibt Hirten, die ihren Auftrag nicht erfüllen. Schon hier geht es nicht um „reale“ Hirten, sondern um die Verantwortlichen für das Volk, „die nur sich selbst weiden“ (Ezechiel 34,2). Es geht um die, die ihre Macht missbrauchen, die sich nicht um die ihnen Anvertrauten kümmern, um die, die nur in die eigene Tasche wirtschaften. Gegen solche Hirten spricht Gott das Urteil und setzt an ihre Stelle einen gerechten Hirten ein. In Psalm 23 ist Gott selbst dieser Hirte.

Das Bild vom Hirten: Jesus, der gute Hirte
Psalm 23 ist unter allen Psalmen der bekannteste. Gerade in der protestantischen Tradition ist er neben dem Vaterunser und dem Glaubensbekenntnis das Gebet, dass die meisten noch auswendig können. Diese Erfolgsgeschichte hat ihren Hauptgrund darin, dass, ausgehend vom Johannesevangelium, Jesus im Christentum das Urbild des guten Hirten geworden ist. Schon in der alten Kirche, in den römischen Katakomben etwa, ist Jesus dargestellt als der Hirte, der das verlorene Schaf auf seinen Schultern trägt. Mit diesem Bild verbinden sich die Bilder des Vertrauens im Psalm, eines Vertrauens ins Leben, die über meine eigenen menschlichen Möglichkeiten hinausgeht. Auch heute formulieren Menschen ihren Glauben an einen helfenden und leitenden Hirten in ihrer Sprache – Psalm 23 kennt viele Übertragungen, von denen man heute viele im Internet finden kann.

Ein besonderer Psalm
„Wie viele Menschen haben in und an diesem Psalm nicht schon Trost und Kraft gefunden! Im Judentum wird er mit Vorliebe bei Beerdigungen gesprochen. In der frühen Christenheit haben ihn in der Osternacht die Neugetauften zur Vorbereitung auf das eucharistische Mahl gebetet. Uns ist seine Bildwelt vertraut aus der Nachdichtung, die wir als Kirchenlied singen: ‚Mein Hirt ist Gott der Herr…‘ Was an diesem Psalm fasziniert, sind gewiß seine archaischen Bilder, auf die die Sehnsucht unserer Herzen anspricht. Grüne Auen, klare Wasser, guter Weg, gedeckter Tisch, übervoller Becher, festliche Stimmung, ein Haus voller Glück und Freundlichkeit – und all dies als Gabe eines zugewandten Gottes: Wer möchte dies nicht? Und daß dies geschenkt wird inmitten einer Welt, in der es Finsternis, Unheil und Feinde gibt, wie der Psalm realistisch herausstellt, zieht uns gewiß nicht weniger an, denn so ist die Welt, in der wir leben.“

Zum Weiterlesen:
Erich Zenger, Psalmen. Auslegungen; vier Bände (Schmuckkassette), Verlag Herder im Breisgau 2003.
Kath. Bibelwerk e.V., Andreas Leinhäupl (Hrsg.), Psalmen. Das Leben ins Gebet nehmen, Stuttgart 2011.

Dr. Marianne Bühler

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