Psalmen als Dichtung und Gebet

Heinz Schlaffer: Geistersprache. Zweck und Mittel der Lyrik
Zusammenfassung der Erträge mit Perspektive auf die Psalmen als Dichtung & Gebet

Schlaffers Thema sind nicht – oder nur am Rande – die Psalmen. Er versucht die Frage nach Herkunft und Aufgabe der Lyrik zu klären, indem er nach Zweck und Mittel fragt und durch die Geschichte streift. Die Erträge sind verblüffend einfach:

Die Zwecke waren im Ursprung: Götter gnädig stimmen, Krankheiten heilen, Missernten abwenden, Feinden schaden. Diese Zwecke scheinen inzwischen zumindest auf der Oberfläche verschwunden (in den Psalmen allerdings weiterhin unmittelbar greifbar und hörbar), die Mittel wirken bis heute weiter. In ihrer Struktur folgen Gebete/Gedichte gezielt der Erreichung dieser Zwecke – von der Herbeirufung einer helfenden Macht über deren Information über eine (existierende oder überwundene) Notlage, Beteuerungen von Unschuld, Versprechen von Dank und Dankbarkeit etc..

Die angewandten zweckmäßigen Mittel:

– Anrufen (und verwandte Sprechhandlungen der Beziehungsaufnahme wie Preisen, Grüßen etc.), wobei die Sprechhandlung des Gedichts selbst die Gestalt dessen herbeiruft oder erzeugt, den es anruft. Lyrische Kommunikation ist nicht Vortrag vor Zuhörenden, sondern ähnlich oder gleich dem Gottesdienst, stellvertretendes Anrufen eines Geistes / einer Gottheit. Mithörende von Lyrik wie von Liturgie sind Zeugen und Nutznießer; also in beiden Fällen ein kommunikatives Dreiecksverhältnis.

– Gaben, also Tauschhandlungen. Das Gedicht in seiner kunstvollen Form ist eine Voraus-Gabe an den Geber, dazu treten Gelübde, Lob und Dank – Vorausgaben für eine erhoffte Erfüllung einer Bitte um Wendung einer Not, von deren Vorhandensein die Gottheit zunächst informiert sein muss. Die Begabung zu dichten, in strengen eleganten Formen, mit auserlesenem Vokabular ist selber eine Gottesgabe für den Dichter, der so erst befähigt wird, eine gottgemäße Gabe zu offerieren. Später inspirieren dann die Musen oder der Dichter wird für ein Genie gehalten. Dichter erhalten entsprechend auch keinen Lohn oder Bezahlung, sondern ein Honorar als ehrende Gabe.

– Die andere Sprache, eine Sprache für die Kommunikation mit Geistern und Götter, eine Göttersprache: Poesie ist die Muttersprache der Götter. Wer enthusiastisch (en theos) spricht, ist in einer besonderen Geistesverfassung. Die Sprache muss den Singenden wie den Hörenden nicht verständlich sein!

– Namen und Metaphern: Nennung des Namens des Angerufenen, oder, bei Namensnennungsverbot, Benennung des Angerufenen durch Metaphern. Gedichte – auch die Psalmen – sind vielfach Verzweigungen des Namens in viele Namen. Eine Metapher kann als Auf-findung der von den „Olympischen“ gebrauchten Namen gelten, nicht als Er-findung eines Sängers.

– Tanzen und Singen: Strophe, Vers und Rhythmus kommen schon etymologisch aus dem Tanz. Tänze sind für praktische menschliche Zwecke wenig geeignet, aber sie mögen den Göttern wohlgefällig sein. Der Rhythmus verbindet Zwang und Rausch, Regel und Ekstase zu einem kollektiv erlebten Glück. Der Gesang kommt aus dem Inneren, steigt aus der Tiefe auf, und dringt auch bei den Hörenden tiefer.

– Symmetrie, Wiederholung, Reim: Waffen gegen die Zeit, Verzauberung der Zeit in einen Raum, in dem man sich in verschiedene Richtungen bewegen kann

– Fest: Feierlichkeit und Erhabenheit

– Gemeinschaft

– Aneignung: Das „Ich“ des Gedichts (oder Gebets) ist im Augenblick des Hörens oder Lesens nicht mehr das Ich des Autors/der Autorin, sondern des Ich der Hörenden oder Lesenden. Und deren „privates“ Ich wird für den Augenblick des Hörens / Lesens selbst erweitert / erhöht / verschoben zum lyrischen Ich des Gedichts oder Gesangs oder Gebets.

– Übereinstimmung: Räumlich – zeitlich – inhaltlich – formale Stimmigkeit; Übereinstimmung der Rezitierenden oder Hörenden in Rhythmus, Stimmung etc.

– Zauber: Magie und Sprachmagie von Anfang an, Zauberspruch, Verwandlung äußerer und innerer Welten, Weltenschöpfung („Poesie“!). Metaphorik ist eine zur Rhetorik verharmloste, nun als Poesie genutzte Zauberei.

– Liebeszauber: durch magische Mittel die begehrte Frau gewinnen

– Dichter: Schamanen waren in einer Person: Zauberer, Priester, Arzt, Dichter und Sänger; vermutlich das älteste Gewerbe der Welt, auch von Frauen ausgeübt. Geisterflug und Jenseitsreise als Mittel auch der Dichter, denen Gott / ein Genius Worte und Lieder eingibt: inspiriert.

Schlussthese: Auch wenn der ursprüngliche Zweck entschwunden scheint, kehrt in der Anwendung der Mittel der vergangene Zweck, ein Teil der untergegangenen kultischen Praxis wieder.

 

 

Heinz Schlaffer, Geistersprache. Zweck und Mittel der Lyrik, München: Hanser (2012)

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