Versuchungen – Verklärungen – Psalm 22

Versuchungen – Verklärungen – Psalm 22


Eine Predigt von Johannes Kohl vom 13. bzw. 14.02.2016 in St. Stephan, Mainz Gonsenheim │ Lk 4,1-13 │ Psalm 22

Diesmal war sie wirklich kurz, die Zeit von »Wein, Weib und Gesang«, von »Sex and Drugs and Rock´n Roll« ‑ und schon wird das, was gerade noch als Genuss galt, als Versuchung gebrandmarkt. Wir kennen das, das geht ja schließlich jedes Jahr so um diese Zeit. Erst recht bei Katholiken; einen besseren Zeitpunkt und besseren Anlaß für Moralpredigten, äußere wie innere, gibt es nicht.

Nun haben Sie eben mit mir das Evangelium von der Versuchung Jesu gehört. Seltsam ‑ kein Wort von leiblichen Genüssen, keine Warnung vor Schokolade, noch nicht einmal die Aufforderung zur guten Tat.

Die Versuchungen statt dessen: Verführung zu Macht und Manipulation, Aufforderung zum Eigennutz und zum Mißbrauch Gottes, Anpreisen der Selbst-Bescheidung auf Materielles –allesamt freibleibende Sonderangebote, sein Selbst aufzugeben und seine Seele zu verkaufen!

Der Hintergrund dieser Geschichte im Lebenslauf Jesu: Jesus war Johannes dem Täufer begegnet, war fasziniert von dessen dramatischen Aufruf zur Umkehr, ließ sich sogar von ihm taufen. Als Jesus erfährt, dass Herodes den Täufer hat töten lassen, wird das für ihn zum Auslöser seines öffentlichen Wirkens. Dennoch: Er ist kein Johannes-Jünger, es gibt markante Unterschiede in Lehre und Praxis: Johannes verkündet das Jüngste Gericht und rüttelt die Menschen auf, so dass sie ihm noch entgehen könnten.

Auch Jesus ist von der Nähe der Endzeit überzeugt, Kern dieser Überzeugung ist aber die vorbehaltlose rettende und heilende Nähe Gottes. So heißt die Zusammenfassung seiner Verkündigung: »Das Reich Gottes ist nahe gekommen, kehrt um, glaubt diese frohe Botschaft«. Ein weiterer Unterschied: Jesus läßt die Menschen nicht zu sich kommen, um die Botschaft zu hören, sondern geht zu ihnen hin. Er richtet sie Ihnen persönlich aus.

Vor seinem Gang in die Öffentlichkeit, so erzählt uns das Lukasevangelium, geht er für 40 Tage in die Wüste, um sich vorzubereiten. Wenn man diesen Zusammenhang sieht, wird man die Versuchungen lesen als Versuch, Jesus von seiner innersten Überzeugung und von seinem gerade beginnenden Weg abzubringen und ihn von Gott zu trennen. Wäre er nun dem Versucher gefolgt, hätten wir wohl nie etwas von ihm gehört. Doch ganz offensichtlich hält er an seinen Weg, an seiner tiefen Erfahrung und an der daraus resultierenden Botschaft fest: Gott ist nahe, Gott ist hier.

Es gibt einen eigentümlichen Rahmen um die Fasten- und Passionszeit: Sie beginnt mit der Erzählung der Versuchung Jesu, die wir heute gehört haben und schließt gleich am nächsten Sonntag die Erzählung der Verklärung an, wiederum auf einem Berg, wiederum eine intensive Begegnung, die großen Gestalten der Tradition erscheinen: Moses und Elija. Für einen Moment ist alles erhellt und erleuchtet, leicht, ohne Last und ohne Störung, ein erhabener und ein erhebender Moment, himmlisch. Davor und danach herrscht ganz gewöhnlicher Alltag – mit all seinen Plagen und all seinen Versuchungen.

In der Passionswoche, dem zweiten Teil der Rahmung also, erleben wir eine weitere »Versuchungssituation« mit: Im Garten Getsemani bittet Jesus, dass der Kelch der Hinrichtung an ihm vorübergehen könne; und ab dem Ostersonntag gibt es eine wachsende Zahl von Jüngern, die erzählen, sie seien dem Gekreuzigten als einem Lebenden begegnet – »Verklärung 2.0« sozusagen, in heutiger Sprache.

Versuchen wir, Versuchung und Verklärung als so etwas wie Präludien, Vorauserfahrungen zu den Erzählungen von Passion und Auferstehung zu verstehen, dann sind beide für uns leichter zu begreifen, näher an unserem Leben, unseren Erfahrungen. Wir kennen ja Versuchungen, und wir kennen erhabene, erhebende Momente, gerade in besonderen Begegnungen.

Der Text der Lesung heute war der Psalm 22, uns allen in Ohren als der Psalm, den Jesus am Kreuz schreit: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« Dieser Psalm und dieser Schrei stehen in Bezug zu den Geschichten von Versuchung und Verklärung, von Getsemani und Ostern.

Der Psalter war zur Zeit Jesu so etwas wie das persönliche Frömmigkeits- und Glaubensbuch der einfachen Leute. An ihm orientierten sie sich, ihn konnten sie meist auswendig, er bot alltägliche Hilfe in allen Lebenslagen – Sprechhilfe, Glaubenshilfe, Lebenshilfe.

Wer unter dem Kreuz stand oder später dann die Passionsgeschichte hörte, kannte den Psalm, in dessen Worten Jesus seine Verzweiflung und seine Verlassenheit ausdrückte; dafür waren die Psalmen ja da, das eigene Innerste ausdrücken zu können, und seien es Schmerz und Verlorenheit – und dafür können sie noch immer da sein.

Und wer damals die Geschichte von der Hinrichtung Jesu hörte, hörte dazu noch zwei weitere Dinge: Einmal, dass Jesus gerade den, der ihn verlassen hat, anruft, ja anschreit. Und, weil die Zuhörenden den Psalm kannten, hörten sie innerlich auch aus dem zweiten Teil mit: »Er verbirgt sein Gesicht nicht vor ihm, er hat auf sein Schreien gehört. Deine Treue preise ich in großer Gemeinde« – ein Umschwung, eine dramatische Wendung passiert da. Die Beziehung zu Gott ist wieder geöffnet, und auch die zu den anderen.

Der Versuch des Versuchers, Jesus vom seinem Weg abzubringen und ihn von Gott zu trennen, ist nun endgültig gescheitert. Gott bleibt treu, durch tiefste Verzweiflung und Verlassenheit hindurch, das wurde schon Israels Erfahrung im Exil, auch das erzählt uns ja der Psalm. Jesus kann seinem Weg treu bleiben, durch schwerste Anfechtung hindurch.

Warum nun werden uns diese Geschichten wieder und wieder erzählt? Warum hören wir sie uns wieder und wieder an? Wohl um weiterzugeben und um zu erfahren, dass wir auch im Alltag und im Leiden von Gott getragen werden. Not kann Beten lehren – Freude Freude übrigens auch –, Beten aber, das will uns der Psalm mitgeben, hilft Not zu bestehen.

»Gott« ist der Anrufbare – das ist die sprachliche Herkunft dieses Wortes im Deutschen, nicht »höchstes Wesen«, wie in fast allen anderen Sprachen. »Der Anrufbare«: Der, der an-sprechbar ist und uns ermöglicht, uns aus-zusprechen, ganz gleich, was wir zu sagen, zu klagen, zu jubeln haben.

Gott ist nahe – wenn wir ihn nahe spüren und auch wenn wir uns verlassen fühlen. Das ist Einladung des Psalms, vieler Psalmen: Diese Adresse nicht zu vergessen, an die wir uns wenden können. Auch wenn sie uns gerade noch so fremd oder fern scheint. Die Antwort zeichnet der Psalm vor: Als einen Wandel, der eintritt. Das ist der Erfahrungsschatz der Psalmen, den weiterzugeben ist Sinn von Tradition.

Zurück zum Anfang, noch einmal zur Fassenacht: Auch da ist das dringende Begehren, das sich im Psalm 22 ausdrückt, offensichtlich bewußt, wenn auch ins Niedliche verkehrt und profan orientiert. Wir kennen es alle, und die meisten singen es mit, und wenn wir es singen, da wird das Profane durchaus schon überschritten, schon vor der Fastenzeit: »Gell du lässt mich net, gell du lässt mich net, gell du lässt mich net im Stich!«. Das ist die gleiche Sehnsucht, richtet sich nicht nur an die Mutter oder die Geliebte, geht darüber hinaus. Jeder Narr braucht das, jeder Mensch. Zur Fassenacht, zur Fastenzeit.

Ich wünsche Ihnen eine gute Fastenzeit, ich wünsche Ihnen, dass Sie Ihrem Weg treu bleiben und dass Sie lichte Momente erleben können!

Johannes Kohl

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