Klang.Raum

1_Klang_Raum_850x2000.RZ1

2_Klang_Raum_850x2000.RZ1Bis heute sind die 150 Psalmen der hebräischen Bibel für gläubige Jüdinnen und Juden ein Vademecum; ein Begleiter für private und berufliche Lebenslagen. Es gibt kein jüdisches Gebet ohne Psalmen. Im Ursprung bedeutet das aus dem Griechischen stammende Wort „Lieder zur Harfe“. Überliefert sind uns nur die Texte, doch Psalmen wurden gesungen und dienten der Rezitation wie Meditation. Viele wurden nach bekannten Melodien gesungen. Z. B. der Psalm 22 nach der Weise „Hinde der Morgenröte“ oder Psalm 8 „nach dem Kelterlied“. Daneben finden wir Hinweise auf die Begleitung durch Instrumente, z. B. Psalm 4 „mit Saitenspiel“, Psalm 5 „mit Flötenspiel“, Psalm 45 „auf Lotusblüten. Ein Liebesgesang“.

Andere Überschriften bestimmen eine kultische Verwendung, z. B. Psalm 30 „zur Tempelweihe“ oder Psalm 100 „zum Dankopfer“. Die Psalmen 120 bis 134 sind Lieder zur Wallfahrt. Die Wallfahrer wurden am Eingang des Tempels von Sängergilden begrüßt. Auf die Gesänge der Korachiten und Asafiten – auf welche neben David einige Psalmen zurückgehen – antworteten die wartenden Pilgerinnen und Pilger mit einem Refrain.

Heute haben die Psalmen in der jüdischen Gebetstradition ihren Platz als Lese- und Meditationsbuch der privaten Frömmigkeit. Am Sabbat werden sie zur Einstimmung gesungen und gebetet. Eine besondere Rolle in der Synagogenliturgie nimmt der Psalm 92 ein. Er trägt die Überschrift „Für den Sabbattag“.

Vor allem in der Zeit des Holocaust und in den Konzentrationslagern der NS-Zeit haben Jüdinnen und Juden Psalmen als Zeichen der Menschenwürde und Treue Gottes gebetet.

Im Neuen Testament sind die Psalmen das am häufigsten zitierte Buch der hebräischen Bibel. Der Jude Jesus hat Psalmen gesungen, gelernt und ist von Kindheit an von ihnen geprägt worden. Der Evangelist Matthäus berichtet, dass Jesus nach dem letzten Abendmahl, dem Pessach, wir gewohnt das „Hallel“, die Psalmen 113 – 118, gebetet hat. Am Kreuz sterbend zitiert er den Psalm 22 „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“.

Psalmähnliche Lieder, welche uns die Evangelisten im Neuen Testament überliefern sind z.B. das Magnifikat (Lk 1,46-55), das Benedictus (Lk 1,68-79) und das Nunc Dimittis des Simeon (Lk 2,29-32). Diese werden Cantica genannt.

Von Beginn der Jesustradition an waren Psalmen Teil der Liturgie bei Hausgottesdiensten.

„In Feldern und Gärten habe man sie während der Arbeit gesungen,“ berichtet der Kirchenvater Hieronymus (347-420). Seit der Regula Benedicti des Benedikt von Nursia (480-547), welche er im Kloster Montecassino schrieb, sind die Psalmen die wichtigsten Texte im Tagzeitengebet der Klöster. Der Tag wird, wie in der jüdischen Gebetspraxis, mit Gotteslob begonnen und beendet. Ebenso werden neutestamentliche Psalmen (Cantica, s.o.) in die Liturgie integriert. Das Stundengebet zeichnet sich bis heute durch die wechselseitige Singweise aus. Nonnen und Mönche gestalten so ihren Tagesrhythmus frühmorgens, am Mittag, am Abend und zur Nacht im Chorgebet.

Papst Gregor I (Papst 590-604) führte in seiner Liturgiereform erstmals Antiphonen ein, welche als frei formulierte Kehrverse gesungen werden.

Die Reformation rückte die Psalmen neu in das Zentrum der Liturgie. Martin Luther nannte sie seine „kleine biblia“.

Der Reformator Johannes Calvin (1509-1564) gab 1562 eine vollständige Sammlung der biblischen Psalmen in französischer Sprache heraus. Noch vor Ende des Jahrhunderts wurde sein Werk ins Deutsche übersetzt; vor allem von dem Humanisten Ambrosius Lobwasser (1515-1585).

Bis heute werden, vor allem in Benediktinerklöstern, jede Woche alle 150 Psalmen im Chorgebet zu Gehör gebracht.

Die Psalmen sind das Buch der Bibel, welches in der Geschichte der Kirchenmusik am häufigsten vertont wurde; z.B. Schütz, Bach, Mendelssohn-Bartholdy, Monteverdi und viele andere mehr.

Eine Übersicht der Psalmvertonungen hat Sönke Remmert in seinem Buch „Bibeltexte in der Musik“ herausgebracht. Verlag Vandenhoeck und Ruprecht 1996. Die Zeitschrift „Bibel heute“ 3/2008 des Katholischen Bibelwerkes Stuttgart beschäftigt sich mit dem Thema „Bibel und Musik“. Vgl. hierzu auch „Überblick über die Geschichte des Psalmengesangs in Europa“ von Johannes Stein.

Die Liturgiereform des 2. Vatikanischen Konzils hob bewusst den Verkündigungscharakter der Psalmen im Wortgottesdienst hervor.

Das wechselseitige Singen zwischen Kantor/innen und Gemeinde wurde nach altkirchlichem Vorbild betont. Der Psalm stellt eine Brücke von der 1. zur 2. Lesung her, weil er inhaltlich eine Antwort auf die 1. Lesung aus dem Alten Testament ist. Diese Praxis, zwei Lesungen und einen Psalm im Gottesdienst vorzutragen, wird leider in vielen katholischen Gemeinden nicht mehr praktiziert. Das ist bedauerlich, denn die Psalmen sind nicht nur Gebet, sondern als Botschaft der Bibel auch Teil der Verkündigung; sie künden von Erfahrungen, welche Menschen mit Gott gemacht haben. Begrüßenswert ist, dass den Psalmen im neuen Gotteslob eine besondere liturgische Bedeutung zukommt. Zu bedenken ist allerdings: die Psalmen sind und bleiben Gebete Israels, auch wenn Christen sie in der Kirche oder persönlich sprechen. Mit ihnen bekennen wir uns zur jüdischen Ursprungsgeschichte des Christentums, zum jüdischen Erbe und laden zum Dialog mit unserer Mutterreligion ein. Psalmen sind, wie Erich Zenger sagte, „Graben und Brücke zugleich zwischen Judentum und Kirche“. Hinzu kommt, wie der Benediktiner Gregor Brazerol OSB trefflich formuliert, „mit den Psalmen lernt man nicht, vor Gott schön zu reden“.

Weitere Ausführungen zur musikhistorischen und musikalischen Rezeption der Psalmen finden Sie hier, Veranstaltungsideen hier.

Georg Falke

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