Psalmenüberschriften

Viele Psalmen beginnen mit einleitenden Worten, die nicht zum eigentlichen Text gehören und Informationen verschiedenster Art transportieren. Sie divergieren in masoretischem Text (z.B. 24 Psalmen ohne Überschrift), Septuaginta [LXX; griechische Übersetzung] (z.B. kein Psalm ohne Überschrift) und Vulgata. Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf die „Einheitsübersetzung“. (Diese Psalmenüberschriften sind zu unterscheiden von den „thematischen Überschriften“, die gar nicht zum Text gehören [also vor dem ersten Vers stehen], sondern Zufügungen der jeweiligen Übersetzer sind.) Die ersten beiden Psalmen haben auch im masoretischen Text keine Überschrift, denn beide sind gleichsam das „Tor“ zum Psalter; d.h. sie sind selbst die Überschrift über die gesamte Sammlung.

Die Überschriften enthalten verschiedene Angaben:

– Gattungen:
Am häufigsten ist der Begriff „mizmor“, in der griechischen Übersetzung „psalmos“ als ein zur Harfe gesungenes Lied (41x); darüber hinaus finden sich die Begriffe „sir“ (Lied; 15x), „maskil“ (Belehrung; 11x), „miktam“ (Bedeutung unbekannt; 5x), „tepilla“ (Gebet; 4x), „tehilla“ (Preisung; 1x) und „siggajon“ (Klagelied [unbekannt]; 1x).

– Namen:
Die Namen in den Psalmenüberschriften ordnen wohl ursprünglich die Texte einer Sammlung zu und sind weniger Angaben zur Verfasserschaft im eigentlichen Sinne

Ps 23,1a: „Ein Psalm Davids“
In den meisten Psalmenüberschriften taucht der Name „David“ auf (masoretischer Text 73x; LXX 83x); zum einen „von David, zum anderen „dem David“ meinend. Dabei kann „David“ nicht nur den konkreten Sohn Isais, sondern auch den jeweilig regierenden König (Davididen) oder auch den königlichen Heilsbringer bezeichnen. Im Laufe der Zeit setzte sich das Verständnis des „lamed auctoris“ („von David“; aus einer Zuschreibung ohne Präzisierung der Relation wird eine Verfasserschaft) durch, was zu einer Zuschreibung des gesamten Psalters führte („Davidisierung“). „Von David“ betont die Dignität der Texte; „dem David“ kann gelesen werden als Audruck der Hoffnung auf messianische Vollendung (auch im Beten der Psalmen). Biblische Anhaltspunkte für diese Zuschreibung finden sich u.a. in 1 Sam 16, 2 Sam 1, 2 Sam 22 (Ps 18!), 2 Sam 23,1-7. David wird damit sowohl zum Typus des betenden Gottesvolkes als zum Typus der einzelnen Beterin/des einzelnen Beters in diesem Volk.
[Vgl. Zuschreibung der Weisheitsliteratur an Salomo u.a. aufgrund von 1 Kön 3 und 1 Kön 10 und die Zuschreibung der Gesetzesliteratur an Moses aufgrund von Ex 20ff u.ö.]

Ps 83,1: „Ein Lied. Ein Psalm Asafs“
12 Psalmenüberschriften nennen den Namen Asaf (Asaf, Korach, Etan, Heman sind Leviten, zu deren Aufgabe die Tempelmusik zählte). Auch hier wird mit der Zeit „leasaf“ („zugehörig Asaf“) als Autorenschaft verstanden; dabei werden die Texte nicht einer „Sängergilde“ (vgl. die „Söhne Korachs“) zugeschrieben, die sich auf einen Ahnherrn bezieht , sondern dem Ahnherrn selbst. (Ps 77 erwähnt neben „Asaf“ auch „Jedutun“, wobei letzteres sich wohl nicht auf die Komposition, sondern auf die Aufführungsweise bezieht; vgl. aber 1 Chr 25, 2ff.). 1 Chr 15f beschreibt die Überführung der Bundeslade nach Jerusalem; David beauftragt „Asaf und seine Brüder“ mit dem Lob JHWHs; Asaf erscheint als Zimbelist. 1 Chr 25 berichtet von der Aussonderung Asafs und seiner Söhne als Musiker die wohl auch Seher waren (vgl. auch 2 Chr 20,14). Asaf wird zum Urbild des Dichters geistlicher Lieder auch im Christentum.

Ps 49,1: „Für den Chormeister. Ein Psalm der Korachiter“
Korach und seine Nachfahren („Korachiten“, „Söhne Korachs“) werden nach den Chronikbüchern mit zwei zentralen Ämtern am nachexilischen Tempel betraut: Sänger (1 Chr 6,22) und Torhüter (1 Chr 9,19). Korach taucht hier in der Genealogie der levitischen Sängerfamilie Heman auf. Die Erzählung von der aufgrund eines Aufstands gegen Mose ausgelöschten „Rotte Korach“ (Num 16) spiegelt in ihrer nachpriesterschriftlichen Endkomposition vermutlich die Auseinandersetzung um das authentische Priestertum wider; der levitische Anspruch darauf soll abgewiesen werden. In früheren Schichten der Numeri-Erzählung taucht der Name „Korach“ nicht auf. Den „Söhnen Korachs“ werden im Psalter 8 Psalmen zugeschrieben; es gibt hier keinerlei Hinweise auf die in Numeri erzählte Rebellion, die wirkungsgeschichtlich jedoch relevant wird. (Vgl. z.B. Sir, 45,18ff und Vers 11 im Judasbrief [NT]).

Ps 72, 1a: „Von Salomo“
2 Psalmen werden im Psalter Salomo zugeordnet; sie sind nicht zu verwechseln mit den „Psalmen Salomos“, einer Sammlung von 18 Dichtungen (wohl aus der 2. Hälfte des 1. Jhd. v.Chr.), die dem König Salomo gewidmet sind.

Ps 88,1: „Ein Lied. Ein Psalm der Korachiter. Für den Chormeister. Nach der Weise „Krankheit“ zu singen. Ein Weisheitslied Hemans, des Esrachiters.“
Ps 89,1: „Ein Weisheitslied Etans, des Esrachiters.“
Ps 90,1a: „Ein Gebet des Mose, des Mannes Gottes“.
Je 1 Psalm werden Mose, Etan und Heman zugeschrieben. 1 Kön 5,11 kennt Etan und Heman als besonders weise Männer; – übertroffen nur von Salomo. Als „weise Männer“ haben sie wohl Eingang in die Psalmenüberschriften gefunden; die chronistische Redaktion hat in ihnen jedoch – in Analogie zu Asaf – führende Musiker gesehen.

– Situationsbestimmungen
Gerade die „Davidspsalmen“ erwähnen bestimmte Entstehungssituationen in der als bekannt vorausgesetzten Biografie des Königs. Vgl. Ps 3,1: „Ein Psalm Davids als er vor seinem Sohn Abschalom floh“ oder Ps 52,1f: „Für den Chormeister. Ein Weisheitslied Davids, als der Edomiter Doeg zu Saul kam und ihm meldete: David ist in das Haus des Ahimelech gegangen.“

– Aufführungspraxis
In einigen Überschriften erscheint der Hinweis auf die Melodie, nach der die Lieder gesungen werden sollen. (Vgl. z.B. die Angabe „M: “Nun freue dich“ Nr. 222“ bei Lied Nr. 852 im „Gotteslob“). Bei diesen Psalmen sind so zwar die Namen der Melodien erhalten, die Noten aber unbekannt. Vgl. Ps 45,1: „Für den Chormeister. Nach der Weise „Lilien“. Ein Weisheitslied der Korachiter. Ein Liebeslied.“ Es existieren auch weitergehende Hinweise für die Aufführungspraxis: Ps 6,1: „Für den Chormeister. Mit Saitenspiel nach der Achten. Ein Psalm Davids.“

– Sonstiges
Es gibt weitere Bestandteile von Psalmenüberschriften, deren Bedeutung unbekannt ist und/oder die nicht übersetzt werden können. (Vgl. z.B. auch die Bezeichnung „sela“ im Korpus des Textes, bei der nicht klar ist, ob es sich um eine Aufforderung zum Zwischenspiel, zur Stille o.a. handelt.)
Literaturhinweise:
– Ree, H.P., Forschungen über die Überschriften der Psalmen: Dazu Erläuterungen der Gottesnamen, Nabu Press, 2011 (Reproduktion von 1923)
– Jüngling, H.-W., Einführung in den Psalter; Vorlesung im WS 1998/99 an der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt am Main
http://www.bibelwissenschaft.de (WiBiLex zu den entsprechenden Stichworten)
http://www.joerg-sieger.de/einleit/spez/05poes/spez72.htm (Der Psalter)
http://www.kthf.uni-augsburg.de/prof_doz/bib_theol/sedlmeier/…/Buch6/ (Die Psalmen – Gebete auf dem Weg)
http://www.wikipedia.org/wiki/Psalmenüberschriften (Psalmenüberschriften)

Dr. Kornelia Siedlaczek

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